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Der Kampf für besseres Essen – Food-Aktivist*innen in China

Weltweit eint Food-Aktivist*innen der Wunsch, der Übermacht industrieller Lebensmittelproduktion etwas entgegenzusetzen – so auch in China. Die Food-Aktivist*innen müssen sich dabei gegen ein autoritäres Regime, aber auch gegen die Erwartungshaltung der Verbraucher*innen durchsetzen.

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Workshopposter auf dem Biohof "Biofarm" in Shanghai. CC Franziska Fröhlich

Weltweit vereint Food-Aktivist*innen der Wunsch, sich aus dem Würgegriff industrieller Lebensmittelproduktion zu lösen. Ob in San Francisco, Berlin oder Shanghai, überall bauen Aktivist*innen Gegenmodelle auf, sogenannte alternative Lebensmittel-Netzwerke (Alternative Food Networks, AFNs), die die Logik des konventionellen Marktes überwinden oder zumindest erweitern sollen. Die Aktivist*innen wollen dadurch ein besseres Lebensmittelsystem für alle schaffen. Eines, das gesunde und sichere Lebensmittel produziert, Bäuer*innen ein einträgliches Einkommen sichert, das gerecht ist, die Umwelt schützt und natürliche Ressourcen schont.

Die Suche nach Alternativen unter radikal anderen Voraussetzungen

Auch in China ist das der Fall. Seit der Reform- und Öffnungsphase ab Ende der 1970er Jahre machte das Land einen dramatischen industriellen Wandel durch - heute sieht es sich verstärkt mit Landflucht, verseuchten Böden und vergifteten Lebensmitteln konfrontiert. Als Antwort darauf begehren Food-Aktivist*innen auf und schließen sich zu einem „Good Food Movement“ zusammen (Zhang 2018).

Im Gegensatz zu ihren Mitstreiter*innen im globalen Norden, wo die ersten AFNs entstanden, agieren die chinesischen Food-Aktivist*innen in einem Land, das noch in jüngster Geschichte mit Hungersnöten zu kämpfen hatte. Gleichzeitig wandelte sich das Land von einer Planwirtschaft zu einer Marktwirtschaft, während es weiterhin als sogenanntes  “Upper-middle-income country” gilt - kein Entwicklungsland mehr, aber auch noch nicht vollständig in den Rang einer entwickelten Industrienation aufgestiegen. Obendrein müssen sie sich auf die Unwägbarkeiten eines autoritären politischen Systems einstellen, was ihren Möglichkeiten oft enge Grenzen setzt.

Dramatischer Wandel führt zu bedenklichen Lebensmitteln

Nichtsdestotrotz kämpft China zunächst einmal mit Problemen, die auch Food-Aktivist*innen in anderen Ländern bekannt sind: ein Lebensmittelsystem, das zunehmend industriell produziert, global operiert und dabei die Umwelt verschmutzt, Verbraucher*innen, die von der Produktion ihrer Lebensmittel entfremdet  sind und ländliche Gebiete, die wirtschaftlich derart abgehängt sind, dass junge Arbeitskräfte massenweise aus der Landwirtschaft abwandern und ihr Glück in den Städten des Landes suchen (Garnett & Wilkes 2014).

Trotz dieser Vielzahl von Herausforderungen bereitet chinesischen Verbraucher*innen vor allem ein Problem Kopfzerbrechen: Lebensmittelsicherheit. Sie sorgen sich, dass ihr Essen übermäßig stark mit Chemikalien und Hormonen aus der Landwirtschaft, mit schädlichen Lebensmittelzusätzen oder gar mit illegalen Substanzen belastet sein könnte (Si et al. 2017). Diese Sorgen sind mehr als berechtigt.

Der Ende der 1970er Jahre eingeläutete Reform- und Öffnungsprozess, der das Land zum globalen Wirtschaftsmotor beförderte, sorgte für dramatische Produktionszuwächse auch in der Landwirtschaft. Diese wurden hauptsächlich durch eine Chemie-intensive industrielle Modernisierung der Landwirtschaft erreicht, diedie Verbrauche von Pestiziden und chemischen Düngemitteln in die Höhe schnellen ließ  (Holdaway & Husain 2014).

International Spitzenreiter beim Pestizideinsatz auf dem Feld

2014 wurden auf chinesischen Feldern 14 kg Pestizide pro Hektar ausgebracht, ein Anstieg um 66,2 % gegenüber 1995. Zum Vergleich: in den USA waren es 2,2 kg/ha, in Deutschland 2,5 kg/ha (Bluemling 2017: 117; NABU 2021). Bei der Verwendung von chemischen Düngemitteln sieht es nicht anders aus: 1972 wurde mit internationaler Hilfe die erste Fabrik für Kunstdünger eröffnet; um die Jahrtausendwende hatte sich das Land bereits zum globalen Exporteur aufgeschwungen. 2016 wurden 503,3 kg Kunstdünger pro Hektar ausgetragen, im Vergleich zu 138,6 kg/ha in den USA und 197,2 kg/ha in Deutschland (World Bank 2021). Damit ist China sowohl bei der Pestizid- als auch der Kunstdüngeranwendung international mit ganz vorn.

Doch nicht nur Pestizide und Kunstdünger belasten Chinas Böden und Lebensmittel: Das massive Wachstum in der Viehzucht hat die Menge an Gülle, die oft unbehandelt auf den Äckern landet, durch die Decke schießen lassen. 2011 verursachte der Viehsektor 38 % der landwirtschaftlichen Stickstoff- und 56 % der Phosphorverschmutzung (Bluemling 2017: 120).

Auch wenn Chinas Industrie mitverantwortlich für die Verschmutzung der Äcker ist – besonders durch die Belastung mit Schwermetallen – so gilt doch die Landwirtschaft als  Hauptursache für verschmutzte Ackerböden. Das zeigte eine 2010 vom chinesischen Umweltministerium veröffentlichte, aber schnell wieder zurückgezogene, nationale Studie (Watts 2010).

Gewissenlose Hersteller*innen und illegale Praktiken

Als ob diese Probleme noch nicht genug wären, hat die Ausrichtung am Profit bei einem gleichzeitig noch schlecht entwickelten rechtlichen Rahmenwerk und mangelnder staatlicher Kontrolle weitere negative Entwicklungen beschleunigt: Hersteller*innen im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe verwenden großzügig Antibiotika, Hormone und Zusatzstoffe, um ihren Ertrag zu steigern und ihre Produkte attraktiver und schmackhafter zu machen. Auch vor illegalen Praktiken scheut so manche*r Hersteller*in nicht zurück, wenn dabei Profit winkt. Der Melamin-Skandal von 2008, bei dem Hunderttausende chinesischer Säuglinge mit illegal verdünntem, aber mit Melamin angereicherten Milchprodukten vergiftet wurden, hat auch in der deutschen Presse für Aufsehen gesorgt.

Großbetriebe, Standardisierung, Dokumentation und Kontrolle

Angesichts dieser Vielzahl von Problemen ist das Vertrauen der Bevölkerung in die Sicherheit chinesischer Lebensmittel geschwunden. Teilweise wird bereits von einer „Vertrauenskrise“ gesprochen. Die Führung des Landes hat darauf reagiert, indem sie Missetätern im Lebensmittelsystem den Kampf angesagt hat, das institutionelle Qualitätssicherungssystem ausbaut und gleichzeitig die industrielle Modernisierung der Lebensmittelproduktion weiter vorantreibt. Die chinesische Regierung will so ein Lebensmittelsicherheits-Regime aufbauen, das auf Standardisierung, kleinteilige Dokumentation und strikte Kontrollen setzt.

Konkret beinhaltet dies den Ausbau und die Verschärfung von Gesetzen, Regularien und Standards, behördliche Umstrukturierungen und den Ausbau von Kapazitäten innerhalb der staatlichen Lebensmittelsicherheitsbehörde. Gleichzeitig versucht der Parteistaat den Lebensmittelsektor zu konsolidieren und Betriebsgrößen zu erhöhen, indem er vertikale Integration und horizontale Koordination von Betrieben fördert. Dahinter steht der Gedanke, dass kleine Strukturen eine Hauptursache von Problemen der Lebensmittelsicherheit seien. Fragmentierte Industrien und die Vielzahl kleiner Betriebe in Produktion, Herstellung, Vertrieb und Gastronomie würden staatliche Kontrollen erschweren. Kleinen Betrieben mangele es zudem – so die parteistaatliche Argumentation – an Kapital und Expertise, was sowohl die Produktivität als auch die Einhaltung von Qualitätsstandards behindere (Holdaway & Husain 2014, Scott et al. 2014).

Öko-Landwirtschaft mit chinesischen Eigenheiten

Auch der Ökolandbau wird von der chinesischen Regierung zunehmend als ein Teil der Lösung vorangetrieben. Der Nationale Entwicklungsplan für Nachhaltige Landwirtschaft (2015-2020), den das Landwirtschaftsministerium 2015 veröffentlichte, nimmt zentral darauf Bezug. Gewichtige Dokumente zur Landwirtschaftspolitik rücken verstärkt „ressourcenschonende, umweltfreundliche Landwirtschaft“ und „Kreislauf-Landwirtschaft“ in den Fokus.

Weil die Technologie-überzeugte und technokratisch ausgerichtete chinesische Regierung allerdings daran zweifelt, dass der Biolandbau genügend Nahrung für die chinesische Bevölkerung produzieren kann, wird auch weiterhin auf Biotechnologie und Genmodifizierung gesetzt. Neben dem Bio-Siegel hat die Regierung zudem ein eigenes Öko-Siegel konzipiert, das sogenannte „Green-Food“-Siegel, bei dem festgelegte Mengen und bestimmte Klassen von Pestiziden und Kunstdünger erlaubt bleiben. Die chinesische Regierung gibt einer strikt geführten und Technologie-intensiven ‚Öko‘-Landwirtschaft den Vorzug. (Scott et al. 2014)

Der Aufstieg von Chinas Alternative Food Networks

Trotz dieser staatlichen Maßnahmen mangelt es Verbraucher*innen an Vertrauen in das staatliche Kontrollsystem. Wiederkehrende Lebensmittelskandale und weitverbreiteter Betrug bei der Vergabe von Green-Food- und besonders bei Bio-Zertifikaten behindern die Vertrauensbildung in staatliche Maßnahmen zur Gewährleistung von Lebensmittelsicherheit (Si et al. 2017, Voß 2015). Deswegen suchen Verbraucher*innen nach alternativen Strategien mit denen Lebensmittelsicherheits-Risiken minimiert werden können. Dabei greifen sie zunehmend auf AFNs zurück, um in direkten Kontakt mit Lebensmittelproduzent*innen zu treten und so zu verstehen, wo ihre Lebensmittel herkommen und wie sie produziert wurden (Schumilas et al. 2016, Si et al. 2015).

Seit 2008 begannen sich um die großen Städte des Landes herum die ersten solidarischen Landwirtschaftsgemeinschaften zu bilden (den Anfang machte 2008 die „Little Donkey“ SoLaWi in Beijing), die ersten ökologischen Bauernmärkte wurden gegründet (2010 der Beijing Organic Farmers‘ Market) und zivilgesellschaftliche Bio-Pioniere begannen sich zu vernetzen. Heute schießen ökologische Bauernmärkte und SoLaWi-Initiativen sprichwörtlich aus dem Boden. Bio ist “in” in China (Scott et al. 2018, Shi et al. 2011).